Stellvertretung

Das deutsche Wort Stellvertretung ist in geschichtlicher Betrachtung eine Neuschöpfung des 19. Jahrhunderts. Das deutsche Wort Stellvertretung anstelle des zuvor häufig verwendeten Ausdrucks „repraesentatio“ findet sich erstmals in theologischen Quellen ab dem 18. Jahrhundert. Die Wortgeschichte von Stellvertretung führt zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte zusammen.

  • Erstens gibt es eine kuriale Verwendung des Wortes für Vertretungsbeziehungen von „oben nach unten“. Der Papst repräsentiert Christus, dieser repräsentiert Gott gegenüber der Gemeinschaft der Gläubigen. Die Verallgemeinerung und Verweltlichung dieser Art von Vertretungsbeziehung geht letztlich auf in Herrschaft und den Mechanismen der Herrschaft, also Bürokratie. In der klinischen Soziologie wird diese Form der Vertretungsbeziehung unter dem Begriff der Routine gefasst.
  • Zweitens dieser ersten Figur entgegenstehend gibt es eine Verwendung des Wortes für Vertretungsbeziehungen von „unten nach oben“. Theologisch ist diese Vertretungsbeziehung beispielsweise angelegt in der Vorstellung, dass Christus den sündigen Menschen vor Gott repräsentiert, also an die Stelle des sündigen Menschen vor Gott tritt, um die Sünde des Menschen zu überwinden. Hier ist Vertretung keine Exekution von Routine, sondern ergibt sich notwendig aus dem Bezug zur Krise des Menschen, also dem Scheitern von bisherigen Routinen. In der klinischen Soziologie wird dies als stellvertretende Krisenbewältigung bezeichnet.

Aus dem oben genannten theologischen Kontext heraus wurde das deutsche Wort Stellvertretung es von Juristen des 19. Jahrhunderts aufgegriffen und unter weitgehender Abstraktion von sozialen Kontexten zu einem rechtlichen Terminus erhoben (siehe rechtliche Stellvertretung). Hier liegt eine ganz eigenständige rechtswissenschaftliche Begriffsbildung vor.