Künftige Herausforderungen an Patienten
Vor welchen Herausforderungen steht der Patient im Gesundheitswesen von heute? Zwei Thesen eines Berufsbetreuers zu diesem Thema, die im Hinblick auf professionspolitische Anschlussfähigkeit formuliert werden.
In einem bereits veröffentlichten Beitrag behandelte ich die Herausforderung an den Gesetzgeber. In weiteren Beiträgen werde ich mich mit den modernen Herausforderungen an die Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen und den Herausforderungen an die Einrichtungen selbst beschäftigen.
Informationelle Selbstbestimmung
Zahlreiche neue Strategien und Steuerungsmodelle im Gesundheitswesen tangieren das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, konkreter auch den im Sozialgesetzbuch (SGB V § 284) garantierten Schutz von Sozialdaten.
Damit Krankenkassen Teilnehmer von Disease-Management-Programmen bewerben können, benötigen Sie bisher nur dem Arzt bekannte Gesundheitsdaten. Die geplante Chipkarte zwingt Patienten faktisch bei jedem Arzt-, Zahnarzt oder Apothekenbesuch alle Erkrankungen zu offenbaren. Auch andere Maßnahmen zur Koordinierung, und besseren Vernetzung werden den Datenschutz betreffen oder betreffen ihn schon. Wer besser steuern will, braucht mehr Datentransparenz.
Je mehr Transparenz einkehrt, desto eher kann das Recht auf informationelle Selbstbestimmung beeinträchtigt werden. Die damit grundsätzlich bestehende Gefährdung der informationellen Selbststimmung ist die spiegelbildliche Entwicklung zur allgemeinen Zunahme von Steuerungsmodellen, die auf Dokumentation und Transparenz von Prozessen sowie auf empirischem Wissen beruhen. Auf die Patenten kommt die Herausforderung zu, souverän und bewusst entscheiden zu müssen, wer ihre Daten erhalten soll und wem sie versperrt werden sollen.1
Eigenverantwortung
Schon heute werden ca. 75% aller Krankheitssituationen ohne ärztliche Hilfe privat bewältigt und ein nicht unerheblicher Teil der Nachsorge und Beratung wird durch Selbsthilfegruppen geleistet. Künftige müssen Patienten mehr Verantwortung für Gesundheit (Früherkennung, Prävention) und Krankheit übernehmen. Aber:
Sowohl die Verteilung von Gesundheitsrisiken als auch die Fähigkeit, Erkrankungen vorzubeugen, sie frühzeitig zu therapieren und zu bewältigen, ist sozial ungleich verteilt. Dieselben Gruppen, die das größte Risiko tragen, zu erkranken, behindert zu sein oder frühzeitig zu sterben, verfügen zugleich über nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Kontrolle ihrer Lebensumstände. Sie haben die geringsten Einkommen und den niedrigsten Bildungsgrad. Sie verfügen kaum über Gestaltungsmöglichkeiten und erfahren am wenigsten Unterstützung durch soziale Netze (“social support”) der gegenseitigen Hilfe und Kooperation2.
- Der Landesbeauftragte für den Datenschutz Niedersachsen, Datenschutz im Gesundheitswesen, Webressource, Deutscher Bundestag, Bundesdatenschutzbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Bt-Drucksache 16/4950, Webressource[↩]
- Quelle: Ullrich Bauer, Die sozialen Kosten der Ökonomisierung von Gesundheit
Webressource [↩]