Herausforderungen im Gesundheitswesen
Vor welchen Herausforderungen steht der Gesetzgeber im Gesundheitswesen? Zwei Thesen eines Berufsbetreuers zu diesem Thema, die in Hinblick auf professionspolitische Anschlussfähigkeit formuliert werden.
In weiteren Beiträgen werde ich mit der Herausforderung an den Patienten, an die Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen und den Herausforderungen an die Einrichtungen selbst beschäftigen.
Gleicher Zugang für alle
Gesundheit ist sozial ungleich verteilt. Das Risiko der Gesundheitsschädigung wird sozial ungleich getragen. Je niedriger die soziale Stellung (Einkommen, Bildung) einer Bevölkerungsgruppe ist, desto mehr Krankheitslast (chronische Krankheiten Multimorbidität) trägt sie. Das ergibt sich aus zahlreichen internationalen Studien und gilt auch für Deutschland. Ursache sind Benachteiligungen bei Lebensbeginn (Fehlverhalten der Eltern in der Schwangerschaft, Bindungsstörungen erste Lebensmonate), ungesunde Lebensweisen während der Adoleszenz und später besonders in Unterschichten, sowie Belastungen an stark fremdbestimmten Arbeitsplätzen.
Aus diesen Erkenntnissen lassen sich, trotz der bestehenden Komplexität, Ansatzpunkte für gesundheits- und sozialpolitische Maßnahmen ableiten. Dabei geht es in erster Linie um die primäre Prävention und die Gesundheitsförderung; allerdings kann auch ein verbessertes Management beim Zugang zu medizinischer Vorsorge, Beratung und Behandlung zur Verringerung des sozialen Gradienten beitragen.”1
Nachhaltigkeit
Der Gesetzgeber steht vor der Herausforderung, die Nachhaltigkeit der Entwicklung im Gesundheitswesen zu befördern. Nachhaltig ist eine politische Orientierung, wenn sie über die Anforderungen und Bedürfnisse der Gegenwart in Richtung Zukunft hinausgeht. M. E. schließt der Begriff der Nachhaltigkeit drei weitere häufig genannte Herausforderungen im Gesundheitssystem ein: Langfristige Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems ist im Bemühen um Nachhaltigkeit immer schon eingeschlossen. Lobbyismus und berufsständische Interessen im Gesundheitswesen stehen, insoweit sie kurzfristigen Interessen dienen, immer im Widerspruch zu einer nachhaltigen Orientierung. Schließlich kann nur ein qualitativ hochwertiges Gesundheitswesen mit einer sektorenübergreifenden Qualitätssicherung zukunftsoffen und insofern nachhaltig orientiert sein.
Auf Nachhaltigkeit als Herausforderung sollte das politische System auf folgende Weise reagieren:
- Es müssen Anreize gesetzt werden, gesellschaftliche Ressourcen zu verlagern: vor allem der Prävention Vorrang gegenüber der Kuration einzuräumen. Theoretisches Einsparpotential: 30% der Gesundheitskosten!2.
- Es müssen Anreize zur Ressourcenschonung so gesetzt werden, dass wirtschaftlich ineffektive Segmentierungen und Sektorisierungen (ärztlich/nicht-ärztlich, stationär/ambulant) im Gesundheitssystem überwunden werden3.
- Nachhaltigkeit in der Gesundheitspolitik bedarf empirischen Wissens4. Wissen wird durch Forschung und Evaluation gewonnen. Potentiale zur Ressourcenschonung und Effektivität im Gesundheitswesen müssen daher unter Wahrung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung aufgedeckt werden können, auch die umfangreiche Datensammlungen bei Leistungsträgern.
- Es müssen Anreize zur sektorenübergreifenden Qualitätssicherung im Gesundheitswesen gesetzt werden. Künftiger Fokus von Qualitätssicherung muss der Patient mit seiner Erkrankung sein, organisations- und sektorenübergreifend evaluiert.
- Es muss gesamtgesellschaftlich, sektoren- und professionsübergreifend an Zielorientierungen gearbeitet werden. Ohne Verständigung über Ziele im Gesundheitswesen kann nicht sinnvoll geplant und koordiniert werden5.
In einem meiner nächsten Beiträge werde ich mich mit den Herausforderungen an den Patienten im Gesundheitssystem beschäftigen.
- Siegerist: Soziale Ungleichheit im Bereich von Gesundheit und Krankheit: Wie ist sie zu erklären und wie zu verändern? Webressource [↩]
- Enquête-Kommission Demographischer Wandel… – Bt-Drs. 14/8800, Kap. 1.3.5 S 187[↩]
- Enquête-Kommission Demographischer Wandel – Bt-Drucksache 14/8800, Kap. 1.3.6 S. 188[↩]
- Enquête-Kommission “Demographischer Wandel…” – Bt-Drucksache 14/8800, S183 ff[↩]
- Vgl. hierzu auch: www.gesundheitsziele.de [↩]