Von der neuen Zeit überrollt

Freitag, 07. Juli 2006 - 08.00 Uhr | Keine Kommentare

Gestern hatte ich mein erstes Gespräch mit Frau J. Tiefstes Kreuzberg. Männer in Jogginghosen fahren ihren Einkauf gleich mit dem Einkaufswagen nach Hause. Türkische Mütter haben Campingstühle auf den Bürgersteig gestellt, um dort Tee aus der Thermoskanne zu trinken und einen Plausch zu halten.

Auch in der Wohnung meiner Betreuten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein alter, fast leerstehender Seitenflügel. In der Erdgeschosswohnung schlichte, 30 Jahre alte Holzmöbel, Ofenheizung. Die Luft ist feucht, die Wände schwitzen. Kein Radio und kein Fernseher. Mir sitzt eine ratlose und verwirrte Frau gegenüber, die die meiste Zeit zum Boden schaut. Sie springt in ihrer Erzählung von einem Thema zum nächsten. Sie hat 13 Jahre in Griechenland gelebt, hatte dort Mann und Kinder. Dann spricht sie vom “Sozialamt”, man wollte ihr dort eine “Arbeit” vermitteln. Sie beginnt zu schimpfen. Frau J. bezieht ihr Geld vom Jobcenter und man hat offenbar versucht, dieser offensichtlich verwirrten Person einen 1-Euro-Job anzubieten. Die Begriffe “Jobcenter” und “Ein-Euro-Job” kommen in dem Wortschatz von Frau J. nicht vor, sie sind in ihrer Welt noch nicht angekommen. Ihre Welt sind noch immer die 80er Jahre, Berlin mit Mauer, billige Kretareisen, immer mal wieder Geld vom “Sozi”.

Psychisch kranke Personen, die aus dem sozialen Netz herausfallen, weil man sie von der Sozialhilfe aus direkt ans Jobcenter weitergeleitet hat, geraten in letzter Zeit nach meinem Eindruck immer häufiger unter rechtliche Betreuung. Sie kommen mit der Anforderungen des Jobcenters nicht klar, halten dort keine Termine ein, erhalten Leistungsminderungen oder Leistungseinstellungen und verlieren irgendwann Unterkunft und Krankenversicherung. Sie kennen ihre Ansprüche nicht. Sie sind außerstande, sich selbst den Weg in die Grundsicherung zu erkämpfen.

Überrollt von einer Reform, die nicht wahrhaben will, wie viele Kranke und Nichterwerbsfähige mit uns leben.